Aus dem Düsterwald

Das Schild

(Nush Rauhros- Legenden aus Mittelerde)

Nahe der grünen Blätter, saß ein Mann auf einem Ast. Gemütlich lehnte er sich an den Stamm des Baumes, sein eines Bein stemmte er gegen eine Astgabel das andere hing herab. Sein Name war Gallandor Beoring, war lang und schlank, hatte dunkles, gelocktes Haar und leuchtend grüne Augen. Wo der Baum ein paar Äste dicht aneinander geschlungen hatte, war sein Zuhause. Eine Art Nest hatte er sich hin eingebaut, ohne Nägel hielt es fest. Das dichte Blätterdach schützte ihn vor dem Regen und ein kleines Feuer in einem Tontopf hielt ihn stets warm. Alles was an ein Haus erinnerte war ein Schild, welches mit einem Stück Band über der Baumhütte baumelte. BEORING war darauf zu lesen. Um ihn herum war nichts als dunkler Wald, jegliche belebte Siedlung lag in weiter Ferne. Die einzigen die er traf waren ein paar Warge oder Bilwisse, die sich in der Gegend durch den dunklen Nebel schlichen. Hier und da zog eine Krähe vorbei. Nur selten erspähte er ein hübsches Tier, dass er erlegte und sich von dessen Fleisch lange nährte. Tief im Düsterwald stand sein Baum. Das Grün der Blätter sah nur er durch das Licht seines Tontopfes.

Weshalb er nicht fortzog?.

Er war ein Waldmensch. All seine Ahnen hatten hier gelebt, mit Waldelben teilten sie dieses Land. Alle Gebäude die noch standen waren nicht mehr als alte Ruinen. Das Klagen über das Leid derer, die dort überlebten vermochte er nicht zu hören. Zudem wollte er Dol Guldur in seinem Blick wissen. Sein innerer Hass auf alles, was diesem Ort entsprang und die Hoffnung, dass diese böse Macht einst enden würde ließ ihn sich am Leben halten.

Einst lebte er nicht weit von hier, doch er war es leid geworden, dass seine Hütte und all seine Habe stets den Streunern zum Opfer fielen. Wie oft hatte er die Flammen von den Brettern getreten nur um an jedem Stück, das ihm blieb seine Erinnerungen zu haften. Erinnerungen an die Zeit als dieser Wald noch Grün war. Eine Zeit bevor Saruman diesen Ort an sich gerissen hatte. Bevor sich die Waldelben, mit denen hier die Menschen das Land teilten, zurückzogen, die Zeit als seine kleine Hütte noch gestanden hatte. Es wurde der Tag der Aussaat  im Frühjahr 1053 des dritten Zeitalters geschrieben, als sich Gallandor beinahe lautlos von dem Baum herunter schwang. Seinen Bogen in der Hand haltend schlich er sich durch das Gebüsch, setzte sich in ihm nieder und wartete darauf, dass ihm etwas Essbares vor den Pfeil schlich. Wie er dort saß kamen die Bilder in ihm hoch…

…Gelächter spielender Kinder, die sich mit Laub bewarfen, eine hübsche Dame, deren Haare im Herbstwind durcheinander gewirbelt wurden, auf einem Pfahl am Zaun hing ein Schild. Ein Mann, der Gallandor aufs Haar glich, lehnte sich gegen einen Holzstapel und entzündete sich genüsslich eine Pfeife…und schon verschwanden die Bilder wieder im dichten Nebel, denn…

…er vernahm Schritte. Vorsichtig lunzte Gallandor aus dem Gebüsch und versuchte an der Statur, zu erkennen um was es sich handle.

Mit geübter Hand zog er blitzschnell einen Pfeil aus seinem Köcher, legt ihn an und zog die Sehne straff. Als der schleichende Schatten nah genug gekommen war, konnte Gallandor die Größe eines Bilwisses feststellten. Er zögerte nicht und ließ seinen Pfeil in dessen Richtung schnellen. Dumpf kippte der Schatten auf den Waldboden. Ein leises Jammern ging von ihm aus. Gallandor zog sein Messer, schlich sich hin, um zu sehen, ob noch etwas Nützliches zu finden sei. Er beugte sich hinunter und erkannte jedoch keinen Bilwiss, sondern einen kleinen Jungen. Kaum älter als zehn Winter.

In der Schulter steckte der Pfeil, den Gallandor mit einem schnellen Ruck aus ihr heraus zog, um darauf den Jungen in den Busch zu ziehen. Vorsichtig riss er den Hemdärmel des Jungen ab, legte trockenes Moos auf die Wunde und verband den Arm mit dem Stoff des Ärmels. Behutsam, zog er das Kind auf seinen Schoß, umschloss ihn fest im Arm, während dicke Tränen über seine Wangen flossen und sich in den Haaren des Jungen verfingen.

Schwer Atmete der Verwundete in seinem Arm. „Ich komme gleich zurück,“ flüsterte Gallandor, legte ihn sacht ab und lief zu seinem Baum. Geschickt klettere er hinauf, raffte alles Nötige in seinen Beutel, zuletzt knotete er das Schild ab und verstaute auch dieses. Das Bündel hängte er an seinen Gürtel. Leise schlich er sich zurück, nahm den Jungen auf seine Schulter und machte sich mir ihm auf den Weg. Auf einer Lichtung sah er ein Lagerfeuer brennen. Drei Elben wärmten sich daran. Schweigend kniete er vor ihnen nieder und legte den Jungen auf einem Fell ab. Die Elben schritten auf den Verwundeten zu, salbten ihn, teilten Brot und Suppe mit den Beiden.

Als das Licht am Morgen den Nebel von schwarz in ein mattes grau färbte zogen die Elben weiter. Alle Bitten, von Gallandor, den Jungen mit zu nehmen blieben ungehört. So saß er dort, schaute in die Glut, den Jungen im Arm, der langsam zu sich kam. Weinend krallte sich dieser an dem Jäger fest, der ihn vorsichtig wieder auf seine Schulter schwang und weiter trug. Am Abend erreichten sie eine verlassene Höhle. Gallandor sammelte ein paar Äste zusammen, baute ein Bett und entzündete ein Feuer. Mit einem Becher Wasser in der Hand setzte er sich zu dem Kind und sagte leise: „Es war nicht meine Absicht dich zu verletzen.“ „Krisdor werde ich genannt“, wimmerte er leise. Gallandor reichte ihm den Becher und lies den Jungen sprechen. „Ich zog mit meinem Herren aus Rohan in diese Lande, doch unser Lager ward überfallen. Seither schlich ich orientierungslos umher,“ sprach er und trank den Becher leer. „Rohan ist weit von hier,“ flüsterte Gallandor, schlang seinen Umhang um sie Beide und blickte so lang in den dunklen Nebel, bis die Nacht alles um sie schwarz färbte.

Von nun an wanderten Gallandor und Krisdor Richtung Westen, bis sie einen Fluss erreichten. Hier suchten sie sich einen dicken Baumstamm, den Gallandor aushöhlte, bis er zu Wasser gelassen werden konnte. Interessiert schaute Krisdor zu wie der Jäger schnitzte. Hin und wieder schlich er sich zum Fluss um Binsen zu sammeln. Sorgsam reihte er diese auf. Aus den trockenen Binsen ward ein Netz geflochten, welches hinter dem Boot durch das Wasser trieb und sie am Abend mit Fisch und Muscheln versorgen sollte.

Ängstlich stieg Krisdor hinein. „Der Fluss wird uns Richtung Rohan leiten,“ sagte Gallandor ermutigend. Die Strömung trieb sie stetig voran. Krisdors Augen gewöhnten sich schnell wieder an das zurückgewonnene Sonnenlicht, Gallandor hingegen verhüllte sich bei Tage und kauerte meist dicht verborgen unter seinem Umhang in dem Boot. Als Krisdor das Netz einholte, die zappelnden Fische ins Boot warf konnte man unter der Kapuze des Jägers ein Lächel blitzen sehen. Die kleinen Hände zogen den Stoff ein wenig zurück, blickte ihm tief in die Augen und sagte lächelnd, “Wir sorgen füreinander, Gallandor.“

Von nun an schob Gallandor seine Kapuze jeden Tag ein wenig weiter zurück, bis er die Sonne auf seiner Haut wieder genießen konnte.

Am Abend konnte man am Lagerfeuer zwei Männer sitzen sehen, der eine groß, der andere klein. Erzählten sich schöne Geschichten, lachten und aßen Fisch. Tagsüber sah man sie auf dem Wasser treiben. Unten lag Gallandor, oben auf Krisdor. Sie sahen den Zugvögeln zu und schauten in die Wolken. „Siehe diese schaut aus wie ein Bär,“ kicherte Krisdor. „Zappel nicht so,“ lachte Gallandor und versuchte das Schwanken des Bootes wieder aus zu gleichen.

Viele Monate gingen ins Land bis sie die Grenze Rohans erreichten. Sie zogen ihr Boot ans Ufer und suchten ein kleines Dorf auf. Missmutig empfingen die Bewohner die beiden Fremden. „Krisdor aus Rohan,“ stellte sich der Junge stolz vor, doch keiner schenkte ihm Gehör, bis auf eine Frau, die ein Bündel Gerste unter dem Arm trug. Sie strich ihm sacht über sein blondes Haar, ergriff seine Hand und nahm ihn mit sich.

Langsam schlich Gallandor ihnen nach, band sein Schild an den Zaun des Hauses, indem die beiden verschwanden und zog sich in die Wälder zurück.

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