Beeren in Eregion

Beeren in Eregion

von Nush Rauhros

Der Himmel war wolkenbehangen als Myla ihren Kopf aus dem Zelt steckte. Sie spürte den Tau unter ihren Füßen, der wie Perlen auf dem Gras hing. Die Hirten, die die Nachtwache gehalten hatten, saßen eng aneinander am Feuer und zogen sich ihre Pelze über den Kopf. Myla nahm sich einen Krug und ging hinunter zum Fluss, um Wasser zu holen. Sie tauchte ihn sacht in das seichte Wasser und stellte ihn auf der Wiese ab. Sie krempelte ihre Bluse hoch und tauchte die Arme ins Wasser, um sich das kühle Nass ins Gesicht zu werfen. Dann nahm sie ihn hoch und trug ihn ins Lager zurück. Den Krug stellte sie vor dem großen Zelt ab und angelte sich ihren Umhang. Er war weich und im Inneren noch warm von der Nachtruhe. Sie wickelte ihn um sich und setzte sich zu den Hirten ans Feuer. Die ersten Frauen waren inzwischen wach, rührten Getreidebrei und backten Brot. Die Bewohner Mirobels hatten ihnen gestattet hier in Emyn Naer zu verweilen, hier fanden ihre Schafe und Rinder endlich frisches Gras. Die Esel hatten lang auf diese Rast gewartet und auch Myla war froh endlich einen Ort gefunden zu haben, an dem sie nach langer Wanderung neue Kräfte sammeln konnte. Die ersten Hirten zogen sich in das Zelt zurück, um die Tagschicht zu wecken, nur Kalin und Joos blieben noch am Feuer sitzen. Sie warteten auf frisches Brot, dass sie stets mit Myla teilten. Auf Joos Schulter thronte Rya, seine weiße Taube, die ihn stets begleitete und in seiner Kapuze eine Art Nest gebaut hatte. Kalin zog seine Laute hervor und spielte ein paar sanfte Töne. Joos stupste Myla sanft an. „Sammelst du heute wieder ein paar Beeren, Myla?“. „Gewiss, tue ich das sagte sie und lächelte sanft.“ Eine alte Frau trat langsam auf die Drei am Feuer sitzenden zu, gab jedem eine Schüssel Brei und legte das Brot vor ihnen ab. Still saßen sie da und schauten ins Feuer. Myla holte drei Becher mit Dickmilch und genoss es bei Joos zu sein.

Nach einiger Zeit stellten die beiden Männer ihre leeren Schüsseln ab und schlichen sich zu den anderen ins Zelt. Myla nahm ihre Schüssel auf und trug sie zum Fluss. Sorgfältig säuberte sie sie und sah sich um. Sie spazierte langsam los. Sie fand ein paar Kartoffeln auf ihrem Weg, die sie in ihren Beutel steckte, doch alle Beerensträucher standen bereits leer da. Bis auf eine Handvoll Erdbeeren, die sie hinter einem kleinen Felsen entdeckte, fand sie keine Beere. Sie ging zurück zur Weide und rief Mulin zu sich. Ihr Esel war jung und ungestüm, nicht so alt wie die anderen Tiere ihres Zuges. Sie befestigte ihren kleinen Beutel an ihm, setzte sich auf seinen Rücken und deutete ihm die Richtung an, in die er sich bewegen sollte. Mulin freute sich an dem Ausritt, doch war er nicht sonderlich erfreut, als Myla wegen jeder Kartoffel von ihm abstieg, um sie in den Beutel zu stecken. Sie ritten weit ins Landesinnere, bis sie endlich den einen und anderen Busch mit Brombeeren fand. Ihre Schüssel füllte sich bis zu Rand als es zu Regnen begann. Sie zog sich ihre Kapuze ins Gesicht und schaute himmelwärts. Die Dämmerung setzte langsam ein, als sie in der Ferne einen Turm auf einem hohen Felsen entdeckte. Sie saß langsam auf Mulin auf und beide bewegten sich ins Lager zurück. Den Beutel mit den Kartoffeln lehnte sie an die Zeltplane und schlich sich zu Joos und Kalin. Sie weckte Joos sanft, indem sie ihm langsam mit einer Erdbeere von der Stirn bis zum Mund fuhr. Er blinzelte ihr zu, schnappte ihr mit seinen weichen Lippen die Beere aus den Fingern und grinste. Rya saß bereits auf dem Schüsselrand und versuchte eine Beere zu picken. Auch Kalin erwachte langsam, zog die Schüssel zu sich herüber und bediente sich daran. „In der nächsten Woche können wir wieder die Tage gemeinsam verbringen“, flüsterte Joos Myla zu, ließ eine Handvoll Beeren in seinen Mund gleiten und überließ ihr seinen noch warmen Schlafplatz. Sie kuschelte sich auf das Fell, zog ihren Umhang über sich und genoss seinen Duft, der noch in der Schlafstätte hing.

Mitten in der Nacht wurde sie von lautem Geschrei und dem wilden Getrampel der Tiere wach. Sie schrak auf, krallte sich in ihrem Umhang fest und lief aus dem Zelt. Mulin rannte auf sie zu und sie warf sich mit aller Kraft auf ihn. Er rannte mit ihr los. Vorbei an Schafen, die in alle Richtungen flüchteten, und an einer Horde Angmarin Krieger, die mit blutverschmierten Schwertern und Äxten auf ihr Zelt zustürmten. „Joos“, jammerte sie, doch Mulin lief weiter. Als er am Hülstenklamm ankam, blieb er stehen. Myla ließ sich von seinem Rücken gleiten, fasste an sein Halfter und führte ihn langsam den Berg hinauf. Als sie eine Klippe erreichten, setzte sie sich und weinte bitterlich. Mulin stupste sie sacht an und sie setzte sich auf seinen Rücken. Gemeinsam sprangen sie hinüber und nahmen den beschwerlichen Weg auf sich, der sie zu dem Turm brachte, den Myla am Tag zuvor entdeckt hatte. Sie schauten gemeinsam dem Sonnenaufgang entgegen. Von dort oben sahen sie sie ziehen. Angmarinkrieger, Halborks und Dunländersoldaten, die ins Land zogen, plünderten und mit blutigem Schwert ganze Städte einnahmen. Sie verbrachten schon ein paar Tage dort oben, trotzten Wind und Regen, sammelten die kargen Gräser und Büsche nach Essbarem ab als Myla am Horizont etwas Bekanntes entdeckte. Es war Rya. Die weiße Taube flog auf sie zu und ließ sich auf einem Sims zwischen zwei Säulen nieder.
Myla nahm sie auf. Sie setzte sie sachte auf ihre Schulter und flüsterte ihr zu:“ Rya, wo ist Joos?“. Die Taube striff mit ihrem weichen Gefieder ihre Wange. Sie sank schwach auf die Knie und versuchte es erneut:
„Wo ist Joos?“. sagte sie leise und Rya bewegte sich von ihrer Schulter und umkreiste sie im Fluge. Myla erhob sich und Rya flog zu Mulin. Die Frau und ihr Esel folgen langsam dem Vogel, der sie unbeschadet zurück Richtung Mirobel führte. Was sie dort sah, war nicht mehr ihr Lager. Es wehten Banner des Krieges. Auf Pfählern steckten die Köpfe ihrer Ahnen, das Leder der Rinder zierte die Lagerstätte und ein paar Angmarinsoldaten schliefen an der Feuerstelle. Sie schritt über blutverschmiertes Gras, stolperte über den Kadaver eines Rindes und suchte nach Rya. Sie entdeckte den weißen Flügelschlag zwischen drei Felsen nahe Mirobel. Sie schlich sich dort hin und fand nicht nur Rya und Mulin dort vor, sondern auch den Körper ihres Geliebten. Sie nahm seinen Mantel auf, setzte Rya in das kleine Kapuzennest und begann Joos auf Mulins Rücken zu hieven. Sie lag ihren Mantel über ihn und führte sie nach Mirobel. Mühselig arbeitete sich der Esel die vielen Stufen bis zu einer Heilerin empor. Die Elbe zog behutsam den Umhang von dem Mann und ließ ihn von den Wachen herunterheben. Es dauerte einige Tage und Nächte. Die Elben versorgten sie mit Speis und Trank, Postoneth, die elbische Heilerin salbte ihn und Myra wich keinen Moment von seiner Seite, bis Joos endlich seine Augen öffnete. Langsam angelte Myla nach einer Erdbeere, strich ihm sacht von der Stirn bis zu seinem Mund, dessen Lippen sanft die Beere aus ihren Fingern raubte.

 

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