Rohan

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Rohan

(Reisebericht Nush Rauhros)

Als der Wagen die Grenze überquerte konnte ich kaum mehr Ruhen, auch wenn Fyon mir riet, solang noch zu warten, bis sie die Gegend erkundet habe, schwang ich mich auf Herrn Korianders Rücken. Oft schon hatte ich Leute von ihrer Heimat reden hören. Sie erzählten wie schön es dort sei, selbst diejenigen, die dort schlimme Schicksale erlebten, oder dessen Land vielleicht so, wie es in den Erinnerungen hing, gar nicht mehr existierte, so gibt es denjenigen Halt. Kindheitserinnerungen, Erlebnisse schöner Tage, Traditionen an denen man sich festhalten kann, altbekannte Gerüche, Orientierung in bekanntem Gebiet.

Als ich die weiten grünen Flächen sah, die kleinen Höfe, die gelbgoldenen Felder hatte ich das Gefühl in die Freiheit zu blicken. Man konnte meinen, dass meilenweit kein Fels diesem Blick trotzte und man bis zum Sonnenuntergang selbst hin reiten könne. Fyon führte uns von einem Lager zum nächsten dessen Soldaten und Feldherren mich weniger interessierten als sie. Ich saß dort, brühte mir Kaffee auf, versuchte einige Gespräche zu führen, während Fyon fleißig ihre Fähigkeiten im berittenen Kampf verbesserte.

Da die Straßen dort eher niedergetrampelten Feldwegen glichen, die man eben daran erkannte, dass dort Pferdehufe eine Schneise geschlagen hatten, zog es Fyon vor, mich mit dem Wagen in eine der größten Städte des Landes zu geleiten. Dort nahm ich mir ein Zimmer in einer Gastwirtschaft, verstaute die Habe und überlegte lange, ob dieses Land mir je einen Rahmen für eine kleine Geschichte oder ein Gedicht bieten würde.

Nun ich hatte vor Jahren schon einige gefragt, die aus diesen Landen stammten, ob es Lieder gäbe, doch die meisten erzählten nur von Wiesen und Pferden. So schrieb ich ein Mal ein Lied über das Reiten, was mich allerdings nicht wirklich erfüllte. Fyon hingegen bot dem Land ihre Klingen an, zog jeden Tag mit einer Schar aus Kriegern hinaus und erzählte mir hin und wieder von gesichteten Orks, sowie allerhand weiterer Gefahren, von der Zerstörung ganzer Städte durch Überfällen mit Feuerstürmen. Dass einige mit aller Kraft alles wieder aufbauen möchten, was niedergebrannt sei. In meinem Kopf drehte sich alles.

Meine ersten Eindrücke über dieses wunderschöne Land und zugleich dieser Not, wie ich sie aus Schragen kannte vermischten sich in mir. So schön es sein muss auf einem Gehöft weit weg von anderen zu Leben, schwirrte durch meine Gedanken, so frei und zugleich schutzlos ausgeliefert, wenn man überfallen wird und der Schrei niemals bis zum Nachbarn dringt.

In diesem Moment sah ich das Auenland vor Augen. Wie schön grün es war und von Hügeln umschlossen. Vor mir lagen wie in dem Tal so viele Smials eng aneinander geknuddelt in der Landschaft.

Trotz der vielen Reisen, die ich bisher unternahm, der Hilfe, die man überall anbieten konnte, sei es diplomatisch oder einfach nur durch ein wenig Mithilfe, fühlte ich mich hier völlig nutzlos. Ich bin keine Kämpferin, die wie Fyon in die Schlacht zieht, fertige keine Waffen oder Rüstungen, nicht einmal reparieren könnte ich etwas. Was tat ich hier?

Ich saß in einem kleinen gemütlichen Zimmer, bei Kerzenschein, während alle, die dazu im Stande waren eine Waffe zu führen hinter Orks nachjagten, sie aus den Feldern pickten, als würden sie ein Land von einer Rattenplage befreien.

Nach einer unruhigen Nacht wachte ich früh auf, gesellte mich zu den Damen der Stadt, half ihnen beim backen von Brot, bündelte Stroh, hielt Stoffe gerade, weil mir selbst kein vernünftiger Stich gelingen würde, schleppte Wasser und half am Abend bei der Versorgung der Krieger die zurückkamen. Dies hielt mich eine Weile davon ab weiter darüber nach zu denken, weshalb ich angereist war. Wegen der Geschichten, der Lieder die den Menschen hier Zuversicht geben. Ab und an nahm ich meine Laute zur Hand, doch schienen die Bewohner zu müde, die Krieger zu sehr in Eile, als dass es ein Stück Freude zurückgebracht hätte, aber mir selbst tat es gut, sowie ein paar Kindern die begeistert hüpften.

Als Fyon eine Weile ausruhen musste, da sie sich an einem rostigen Nagel eine Wunde  zugezogen hatte, die nicht verheilen wollte, fragte ich sie wie es mit dem Aufbau der niedergebrannten Stadt voran ginge. Sie berichtet davon, dass es viele fleißige Helfer gäbe und einige Häuser laut Aussagen einiger verbliebener Bewohner beinah aussahen wie zuvor. Ich wollte es gern sehen und da ich recht hartnäckig blieb ließ sich Fyon dazu überreden mich dort hin zu führen.

Es war furchtbar für mich einen solchen Ort zu sehen. In Glírgar hatten uns schon ein Mal ein Paar lockere Dachziegel zum Weinen gebracht aber hier war von manchen Gebäuden nicht einmal mehr der Grundriss zu erkennen. Jedoch war ich beeindruckt wie fleißig viele arbeiteten, sodass einige Gebäude wahrlich schon standen.  Selbst viele Krieger ließen ihre Waffen liegen, packten mit an, zimmerten bis in die späten Abendstunden.

Als ich sah, dass die meisten Häuser aus Holz und Stroh aufgebaut wurden stieg in mir Verzweiflung auf. Ein paar Feuerpfeile die man über die Holzpalisaden schoss würden ausreichen alles wieder zu zerstören. Ich deutete auf einige Felsen in der Nähe, griff mir einen Arbeiter, hielt ihn fest und fragte warum sie nicht die Häuser aus Stein bauen würden und die Dächer mit Ziegel versehen.

Wie sollten die Einwohner dieser Stadt je zurückkehren, wenn doch nach dem Wiederaufbau genau so wenig Schutz bestünde wie zuvor?

Der Handwerker riss sich von mir los, nannte mich eine törichte Dame, die keinen Verstand habe zu sehen, dass diese Art zu bauen eben schneller vorangehen würde, das Material günstig und es eben effektiver sei. Wahrlich hatte er nicht einmal unrecht, es ging schnell voran, doch würde es nicht einfach werden den Stadtbewohner ihre Angst zu nehmen. So versuchte ich mit einigen zu reden, die zurück kamen. Einige nickten als ich ihnen von Steinhäusern erzählten und räumten auch ein, dass es nicht im ganzen Land Tradition sei nur aus Holz zu bauen, vielleicht wird es sich mit den Jahren ergeben doch zunächst war es am Wichtigsten, dass man ein Dach über dem Kopf hatte.

Ein junger Mann, der mich hatte reden hören zeigte mir seine Drechslerwerkstatt. Sie war voller Schnitzereien in verschiedenen Größen, doch stets zeigte sie den Kopf eines Pferdes. Er erklärte mir, dass die Arbeit, die er hier verrichtet in meinen Augen sicher Unwichtig sei, weil diese kleinen Verzierungen für ein Haus kein wichtiges Element seien. Er griff sich eine, führte mich zu einer Hütte und nagelte sie am Dach fest.

In dem Moment begriff ich, dass selbst wenn eine Architektur einem sinnlos erscheint, sie genau das gibt was meine Freunde mir erzählt haben. Die Erinnerungen, die Bilder im Kopf an ihre Heimat.

Als Fyon sich erholt hatte, war sie wieder unter jenen zu sehen, die schwitzend Strohbündel auf Dächer hievten und ich beschloss allein den Rückweg an zu treten. Auch wenn einige gute Kämpfer meinten ich solle nicht allein reisen zog ich los, denn es waren so viele draußen unterwegs, dass ich, solang ich mich auf den Wegen hielt wirklich niemandem begegnete, zumindest keinem einzigen Ork. Auf einem kleinen Hof machte ich Rast. Herr Koriander trabte auf die Weide und ich klopfte an die Tür eines kleinen Hauses.

Eine Frau öffnete mir, ich überreichte ihr eine Flasche Wein und einen Schinken als Gastgeschenk. Sie lies mich hinein, schöpfte Suppe aus einem große Topf und war recht gespannt zu wissen woher ich stammte.

Ich erzählte eine Zeitlang bis ein junger Herr die Stube betrat. Es war ihr Sohn, so stellte sich heraus, als der blonde Junge sich eine Schüssel nahm und zu uns gesellte. Sie erklärte ihm wer ich sei, doch ihn schien dies zunächst wenig zu interessieren. Erst als ich am Abend in ihrem Gästebett schlief hörte ich wie sie leise miteinander stritten. Sie schien mir etwas erzählen zu wollen, er wiederum war wohl dagegen. Am nächsten Morgen wollte ich aufbrechen. Herr Koriander war bereits gesattelt, meine Beutel verstaut, als sie mich im Stall zur Seite zog. Ich wehrte mich nicht und ließ mich mit ihr hinter einem Stapel Heubündel nieder. Flüsternd begann sie zu erzählen.

Mein Mann war ein guter Krieger, begann sie. Er arbeitete im Wachdienst einer nahegelegenen Stadt. Ich schaute sie traurig an, als sie mir berichtete wie er gefallen war, als die Orks ihr Land überrannten. Sie nahm meine Hand und führte mich auf eine Wiese hinter dem Stall auf der sie ihn begraben hatten. Mir war etwas mulmig zumute, da sie, obwohl sie von dem Mann, den sie so liebte und vor wenigen Monaten zu Tode kam, sprach keine Träne in ihren Augen hatte. In diesem Moment kam ihr Sohn heran gelaufen, der auf der Wiese mit einem Fohlen spielte. Als beide bei uns ankamen, blieben sie wie erstarrt stehen.

Es war das Fohlen eines Wildpferdes, ein wunderschöner kleiner Hengst, soweit ich das sagen kann, denn Pferde an sich haben mich bisher nie wirklich fasziniert.

Die Frau deutete auf das Grab und dann auf das Fohlen. Als sie ihren Mann beerdigt hatten, lag das Fohlen am nächsten Tag auf dem Grab, es zeigte kleine Verletzungen an den Stellen des Körpers, an denen ihr Mann schwere Wunden hatte. Sie pflegten es von da an.

Bereits ihre Vorfahren haben sich erzählt, dass jeder tapfere Krieger dieses Landes in einem Schlachtross wiedergeboren werden würde.

In diesem Moment sah ich wie der Blick des Jungen in die Augen des Fohlens wanderte. Es war als würden sich Vater und Sohn ansehen. Seine Bestimmung wird es sein eines Tages auf diesem Pferd zu reiten, sicher als ein weiterer tapferer Krieger, der sein Land verteidigt und es wird ihn tragen und schützen, wie ein Vater es mit seinem Kinde macht.

Diese Reise hat mir mehr gegeben als weitere Landschaftsbilder in meinem Kopf, Eindrücke und neue Märchen, es hat mir abermals die Erkenntnis gegeben, dass wir Hoffnung schöpfen aus Dingen die nicht immer logisch sind, sogar vergänglich aber dennoch niemals als sinnlos angesehen werden dürfen.

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